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24.12.2011 top
Max-Hilmar Borchert Sprung zurück ins Leben - Der Menzer Max-Hilmar Borchert hat sich nach der Erkrankung an einer seltenen Form von Leukämie an die Spitze seines Sports gekämpft.
Als Dreijähriger saß er das erste Mal im Sattel

Es ist der 21. Januar 2011, Neustadt an der Dosse. Max-Hilmar-Borchert sitzt angespannt im Sattel seines Pferdes Alcoy Z und wartet auf das Startsignal. Diese Springprüfung ist der wichtigste Wettkampf seiner noch jungen Karriere. Vor sich hat Borchert 14 Hindernisse, jedes 1,45 Meter hoch. Der 20-Jährige aus Menz (Oberhavel) und sein Fuchswallach springen gegen mehr als hundert Reiter aus 18 Nationen. Gleich geht es los. Borchert ist jetzt voll konzentriert. Er weiß, was er kann. Schließlich hat er im Leben schon ganz andere Hürden genommen. Den Kampf gegen den Krebs zum Beispiel.

Auf dem Reiterhof Borchert bei Menz, Dezember 2011. Draußen regnet es in Strömen. Max-Hilmar Borchert sitzt in einem der Häuser an einem großen Tisch und trinkt Kakao. Seit 7 Uhr ist er auf den Beinen, hat die Pferde gefüttert und mit ihnen trainiert. Jetzt ist es 12 Uhr, Mittagspause. Neben ihm sitzt seine Schwester Andrea. Ihm gegenüber Mutter Edda. Sie hält sich an einer Kaffeetasse fest. "Mit drei Jahren saß Max das erste Mal im Sattel", beginnt sie zu erzählen. "Durch den Betrieb ist er ja praktisch mit Pferden aufgewachsen."

Der Betrieb, das ist ein rund zwei Hektar großer Reiterhof, zwei Kilometer westlich von Menz. Mit Reithalle, Springplatz, Pensionsstall - ein Paradies für Pferdeliebhaber. Und ein Paradies für die drei Kinder der Familie Borchert.

Max-Hilmar Borchert lernt früh, mit Pferden umzugehen. Bald nimmt er an ersten Turnieren teil, gewinnt kleine und große Springen. 2007 - mit gerade 16 Jahren - zählt er landesweit zu den besten Nachwuchsreitern.

Dann kommt der Tag, der alles verändert. Seit Wochen fühlt sich Borchert nicht gut, klagt über Kopfschmerzen, hat einen angeschwollenen Hals. Die Ärzte untersuchen ihn. Am 5. Oktober 2007 erfahren Mutter und Vater Borchert die Diagnose: Morbus Waldenström, eine äußerst seltene Form von Leukämie. Blutkrebs - ein Schock. "Von einer Sekunde auf die andere verändert sich das ganze Leben", erinnert sich Edda Borchert. "Mein Mann und ich haben erst einmal geheult."

Ihr Sohn begegnet dem Albtraum Krebs rational, schaut nach vorn: "Das erste, was ich wissen wollte, war, wie es jetzt weitergeht".

Er kommt ins Virchow-Klinikum nach Berlin. Dort rätseln die Ärzte. Denn Max-Hilmar Borchert ist ein absoluter Ausnahmefall. Nur bei einem von 100.000 Männern wird Morbus Waldenström diagnostiziert. Und in der Regel sind die Patienten um die 60 Jahre alt. Aber 16? Die Heilungschancen sind einfach nicht zu beziffern. Doch Max-Hilmar Borchert ist jung. Das macht Hoffnung. Er hat noch so viel vor im Leben.

Die Ursache für seine Krankheit ist vermutlich eine fehlerhafte Anfangs-DNS, sagt Borchert. So haben es ihm die Ärzte erklärt.

Zunächst wird er mit einer neuartigen Chemo-Therapie behandelt. Vier von sieben Tagen verbringt der Menzer damals im Krankenhaus. Tatsächlich schlagen die Präparate gut an. Bald sind die Krebszellen in seinem Blut nicht mehr nachweisbar. 

2008 beginnt Max-Hilmar Borchert wieder mit dem Reiten. "Er hat jedem erzählt, er sei geheilt", sagt seine Mutter. Doch ein paar Monate später der Rückschlag: Sein Blut ist wieder voller kranker Zellen. Es sind doppelt so viele, wie vor der Chemotherapie - es ist zum Verzweifeln.

Das Problem ist Borcherts jugendliches Alter. Bei über 60-Jährigen ist der Krankheitsverlauf gut erforscht. Wie der Körper eines jungen Heranwachsenden auf die konventionellen Behandlungsmethoden reagiert, wissen die Ärzte nicht.

Die nächste Option ist Stammzell-Transplantation. Und Borchert hat Glück: Bei einer groß angelegten Typisierungs-Aktion, zu der auch alle regionalen Zeitungen aufgerufen hatten, findet sich ein Spender, der zu annähernd 100 Prozent auf ihn passt. Die Behandlung beginnt im Spätsommer 2009. In einer Klinik in Leipzig wird Borchert zunächst zweimal am Tag bestrahlt, dazu kommt die Chemotherapie: "Sie haben alles platt gemacht, das komplette Immunsystem auf Null gefahren". Seine Mutter ist die ganze Zeit bei ihm, zieht in Leipzig extra in eine Pension. Sie will ihren Sohn jetzt nicht allein lassen, gibt ihm Kraft. Auch sein Vater und seine beiden älteren Geschwister sind, so oft es geht, an seiner
Seite.

Dann kommt die eigentliche Stammzell-Therapie - der Moment der Wahrheit. Über einen Venenkatheter werden Borchert ab dem 24. September die Spenderzellen zugeführt. Sie sollen anwachsen, was selbst bei günstigen Voraussetzungen keineswegs immer klappt. Der Körper von Max-Hilmar Borchert reagiert auf die fremden Zellen heftiger als erwartet: 41,5 Fieber, Blutvergiftung, Lungenentzündung. "Es war der absolute Tiefpunkt, irgendwann habe ich auch halluziniert."

Der Menzer wird auf die Intensivstation verlegt. Wie er später erfährt, stehen seine Überlebenschancen zu diesem Zeitpunkt denkbar schlecht. Edda Borcherts Stimme stockt, als sie folgende Begebenheit erzählt: "Eines Tages fragte ihn der behandelnde Arzt: ,Max, wie hoch musst du mit deinem Pferd bei einem Turnier springen?' Er antwortete: ,1,30 Meter oder 1,40 Meter.' Da hat der Arzt gesagt, ,Max, du musst jetzt mindestens 1,70 Meter schaffen.'"

Zuhause in Menz leidet die Familie mit. Schwester Andrea hat die traurigen Stunden von damals noch gut im Gedächtnis. "Der Hof war grau, leer und ruhig. Jeder hatte Angst, an das Telefon zu gehen, wenn es klingelte."

Doch Max-Hilmar Borchert schafft die 1,70 Meter. Mithilfe eines Medikaments nimmt sein Körper die neuen Zellen nach und nach an. Es geht aufwärts, von Tag zu Tag wird es besser. Anfang November darf er das erste Mal die Klinik verlassen, Weihnachten 2009 verbringt er bei seiner Familie zu Hause in Menz.

Er lässt es ruhig angehen. Im Dezember sagt er in einem Zeitungsinterview: "Ich will nichts übers Knie brechen. Das bringt mir und den Pferden nichts." Im Mai 2010 steigt Borchert das erste Mal wieder in den Sattel.

Die Glückshormone jagen durch den Körper, die Blutwerte gehen rasant nach oben - ein kleines medizinisches Wunder. "Auch die Ärzte haben dafür keine richtige Erklärung." 

Borchert kämpft sich zurück ins Leben - und zurück an die Spitze seines Sports. Im Juni 2010 wird er Berlin-Brandenburgischer Landesmeister. Im Dezember nominiert ihn der Bundestrainer.

21. Januar 2011: Max-Hilmar Borchert betritt mit seinem Fuchswallach Alcoy Z die Graf-von-Lindenau-Halle in Neustadt. Jubelnd erheben sich die Zuschauer von ihren Plätzen - viele kennen die Geschichte des jungen Reiters aus Menz. Der 19-Jährige legt los. Mit dem Publikum im Rücken nimmt er jede Hürde und kommt mit 51,74 Sekunden als Zehnter ins Ziel - die Halle tobt. Borchert erlebt "Gänsehaut pur."

An mehr als 40 Turnieren hat der Menzer in diesem Jahr teilgenommen, fast jedes Wochenende war er auf Tour. Los ist er das Gespenst der Vergangenheit noch nicht. Alle vier Wochen muss er nach Rheinsberg. Dort werden seine Blutwerte abgeklärt. "Wir wissen nicht, ob die Krankheit wiederkehrt", sagt seine Mutter. Aber daran will ihr Sohn erst einmal keinen Gedanken verschwenden. Er hat jetzt eine Freundin und neue sportliche Ziele. "Die Krankheit rückt für mich immer mehr in den Hintergrund", sagt der junge Mann.

In zwei Wochen, beim nächsten CSI in Neustadt, will Borchert wieder ganz vorne mit dabei sein und Platz zehn aus dem Vorjahr verteidigen. An den 1,45 Meter hohen Hürden sollte es nicht scheitern. Er weiß ja, dass er im Ernstfall 1,70 Meter springen kann.
Bildunterschrift - Zurück im Sattel: Max - Hilmar Borchert mit seinem Fuchswallach Alcoy Z und Hund Jacko. Seit Mai 2010 reitet er wieder, gesundheitlich und sportlich geht es seitdem bergauf.
Text: Oranienburger Generalanzeiger/Ruppiner Anzeiger/Gransee-Zeitung am 24.12.2011
Bild: Thomas Gutke

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